Facsimile · p. 60
Welch ein Weg! — Und stets zu Fuß! Ohne Reisemittel und kaum bekleidet! — Ich durchsuche ihre Sädkchen. Der Proviant an Durra reicht höchstens noch auf zwei Tage. Dann müssen sie sich durchbetteln. Und wer wird ihnen den Fahrschilling geben zur Überfahrt von Massäua nach Djedda? — Alle diese Opfer werden von ihnen gebracht um einer religiösen Idee willen! — Nur, um die Lippen drücken zu können auf jenen schwarzen Stein inmitten der heiligsten Moschee des Islam; jenen Stein, auf welchem, der Überlieferung nach, der glaubensstarke Abraham einst seinen einzigen Sohn Jehova zu Ehren hinzugeben bereit war; um eben diesen Stein zu küssen, werden jährlich tausende von Meilen von zahllosen Pilgern zurückgelegt! -— Es liegt eine Glaubensenergie in den Bekennern des Islam, die uns immer wieder in Erstaunen setzt.
Voll Mitleid, darf ich sagen, voll Achtung vor diesen armen, und doch an Idealismus so reichen Menschen, schenkte ich ihnen einige Franken, welche sie, auf die Knie fallend, hinnahmen. Nun legen sie ihren geringen Hausrat auf die nackten, schwarzen Köpfe und pilgern weiter gen Osten.
Unter der Pflanzenwelt machte sich hier besonders bemerkbar ein Staudengewächs, von den Eingeborenen „Gindah“ genannt (calotropis procida). Durch Verholzung von unten aufwärts wird die Staude auch zum Baume. Die Blätter, groß, fleischig und graugrün gefärbt, stehen paarweise am Stengel aufrecht. Aus den Winkeln derselben brechen Blumenbüschel hervor, nicht unähnlich unseren violettgefärbten Cinerarien. Die grasgrünen Früchte, in Form von kleinen Melonen, zahlreich rings um den Stamm hängend, sind federleicht; denn sie enthalten nichts weiter als Wind, und als Achse einen, mit schwarzgefärbten Samen besetzten Strang.
Die Eingeborenen fürchten sehr diesen Strauch, weil der weiße, schleimige Saft, welcher den gebrochenen Zweigen in großer Menge entquillt, äußerst gefährliche Eigenschaften besitzt. Auf das Fell eines Tieres gespritzt, zerstört er dessen Haare, und, wenn er in ein menschliches Auge dringt, zerstört er dessen Sehkraft.
Ich hatte an diesem Tage ohne Pause den Marsch fortsetzen lassen, und so kamen wir schon um l l/2 Uhr auf unserem Bestimmungsorte an. Es war die Station „Adarte“, welche 43 Kilometer von Cheren entfernt liegt. Ihre Lage ist sehr malerisch, inmitten eines Wäldchens von Aeben-Bäumen, deren Belaubung mich an unsere Tamarix erinnert.
In einem einfachen, der Regierung gehörenden Gebäude liegen neben einem auf drei Seiten geschlossenen Schuppen, zwei ldeine Zimmer zum Gebrauch durchreisender Offiziere. Das letzte, ausgezeichnet durch den Vorbau einer Veranda aus Palmenzweigen geflochten, wählte ich für mich, das zweite bezogen meine beiden Diener, mein Gepäck lagerte unter dem Schuppen, und in einer Ecke desselben improvisierte Mursi seine Küche.
38