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Die Weisheit der britischen Regierung pflegt ihre Offiziere, wie Diplomaten, lange auf ein und derselben Stelle zu belassen, damit diese Männer Land und Leute gründlich studieren, und dann die gesammelten Erfahrungen auch zum Nutzen ihres Heimatlandes dort draußen, an Ort und Stelle, wieder verwerten können. So fehlte es Kitchener auch nicht an einer Summe schätzbarer Kenntnisse, weiche für dieses Kommando ihm zu Gute kommen sollten.

Freilich, eine Schlacht hatte er noch niemals geleitet, ebensowenig auch praktische Erfahrungen auf dem Manöverfelde gesammelt. Die britische Heeresleitung kennt solche Übungen in größeren Verbänden zu Friedenszeiten nicht.

Als Kitchener, am 23. August, nach Abhaltung einer großen Parade über die vereinigten Truppen, diese einige Bewegungen, den Ernstfall nachahmend, ausführen ließ, war es das erste Mal in seinem Lehen, daß er eine geschlossene Armee kommandierte, und äußerte nach diesem Manöver zu dem ihn begleitenden deutschen Offizier, Herrn von Tiedemann, er habe dabei sich „rather uncomfortable“ gefühlt.

1 ) Gerade dieses offene Geständnis, und um so mehr, als es einem Fremden gegenüber geschah, spricht für die Tüchtigkeit in dieses Mannes Charakter.

Sicher, in Kitcheners hagerem, elastischem Körper, der allen Strapazen sich gewachsen zeigte, wohnte ein furchtloser, energischer und gegen sich seihst strenger Geist. Keine geeignetere Persönlichkeit hätte man in London zur Führung dieses Feldzuges wählen können. Wie er an sich seihst hohe Anforderungen stellte, so war er hart, oft bis zur Rücksichtslosigkeit auch gegen andere, und liebte, selbst außer Dienst, keine vertrauliche Annäherung. Die Offiziere mußten ihre Ansprüche an Bequemlichkeit in diesem Feldzuge auf das Mindestmaß beschränken, und den Mannschaften entzog er jeden Tropfen Alkohol. Dafür waren die ihnen täglich gereichten 3 warmen Mahlzeiten, neben gutem Thee und einer beliebigen Menge abgekochten Trinkwassers, um so sorgfältiger zubereitet. Als nach dem 29. August, welcher ein Ruhetag gewesen war, die Truppen, langsam avanzierend, Omdurmän und damit der Entscheidung sich näherten, entzog er ihnen auch die Zelte. Nur die Stabsoffiziere behielten solche, als Schattendecke für ihre Arbeiten, wenigstens am Tage. Zur Nachtzeit mußten auch sie darauf verzichten. Bei einbrechender Dunkelheit wurde alles abgebrochen und verpackt, um die Truppe stets kampfbereit zu halten. Das war um so empfindlicher, als die Nächte in diesen Breiten überhaupt kalt sind, und vollends diese 3 Nächte vom 29. August bis zum 1. September mit wolkenbruchartigen Regengüssen durchsetzt waren. Die Leute lagen, zähne-9 v. Tiedemann : „Meine Erlebnisse im Hauptquartier Lord Kitcbeners und die Sclilaclit hei Omdurmän“. Ein "Vortrag, gehalten in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin, am 28. Oktober 1903. — Beiheft zum Militär -Wochenblatt Heft I u. II 1904. Berlin, pag. 30. — 14* 211

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