Facsimile · p. 240
Agordat, auch in Omdurmän gewirkt hatte, so tröstete man sich doch hier mit einer Hoffnung. So wenig nämlich, dachte Abdullahi, wie nach dem Siege von Toshki 1889 die Engländer es gewagt hätten, weiter vorrückend, Dongola zu besetzen, so wenig, und noch weniger, würden jetzt die um vieles schwächeren Italiener es unternehmen, in Ausnutzung ihres Sieges, das wichtige Kassala anzugreifen. Und doch, das Unerwartete geschah. Im Januar 1894 rückt Oberst Baratieri gegen das, 187 Kilometer von Agordat aus, nach Westen hin gelegene, Kassala vor, greift dasselbe an und erstürmt es. Damit war ein sowohl strategisch, wie auch handelspolitisch, überaus wichtiger Platz den Derwischen entrissen. Und nicht bloß entrissen ihnen die Italiener diese Festung, sondern behaupteten sie auch mit großer Tapferkeit, trotz all ihres inzwischen erfahrenen Mißgeschickes — (am 1. März 1896 hei Adua) — 2y2 Jahre lang, bis zum Weihnachtstage 1897. An diesem Tage war es der Abschluß, auf englischer Seite klug geführter, diplomatischer Verhandlungen, welche diesen wichtigen Ort nunmehr in die Hände der Engländer legten, ein Nachgeben, welches heute in Rom wohl sehr bedauert werden wird.
’ In Omdurmän war die Bestürzung über den Verlust Kassalas ganz gewaltig. Der Chalif glaubte die allgemeine Niedergeschlagenheit durch ein kriegerisches Schauspiel wettmachen zu müssen. Wie einst Sidi Okba 1 ) nach Unterwerfung der gesamten Nordküste Afrikas in Tanger angelangt, mißmutig über die hemmende Fläche des Ozeans, sein Schlachtroß in die Wogen hinein zwang und das Schwert drohend wider das gegenüberliegende Spanien ausstreckte 5 so ritt auch Abdullahi, nach Empfang jener Trauerbotschaft, mit kriegerischem Gefolge hinab an den Nil, zwang sein Roß bis zu den Knieen in’s Wasser, riß sein Schwert aus der Scheide und rief, es drohend gen Osten schwingend, mit dröhnender Stimme : „ Alläh-hü-akbar!“ = „Gott, er ist der Größeste!“ Eine Anrufung des Allmächtigen zum Beistand gegen die ungläubigen Feinde! Ein Ruf, welchen die aufgeregte Menge nun tausendstimmig an jener Stelle wiederholte. 2 ) In der Tat, der Verlust Kassalas war die erste Bresche in den Verband des bis dahin als unverletzlich geltenden Mahdi-Reiches. Wer Kassala beherrscht, ist damit auch ein Herr über die zum Blauen Nil hinabführenden Straßen. Daher erhielt der willensstarke und kluge Osman Digna den Befehl, zunächst die Linie des Atbara durch die Anlage bewaffneter Stationen zu befestigen. Er gründete zu diesem Zwecke die Forts El-Fasher, Asohri und Qöz-Rejab, welche miteinander in fortwährender Verbindung standen. 3 ) Und der Vetter des Chalifen, Ahmed-Fadil, der Kommandant von Gadäref, ') pag. 172, „Aus den Staaten der Barbaresken.“ 2 ) pag. 465, Slatin.
3 ) Pag-549, Slatin.
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