Auch die unter englischer Leitung stehende Polizei liegt nicht bloß ordnend und überwachend, sondern auch dämpfend und drückend auf diesem
ehemals so frohbewegten Volksleben; und selbst der originelle Übermut der
Eseljungen hat viel von seiner früheren Frische verloren.
Wirklich fesselnd wirkt hier nur dasjenige, was aus der Zeit der alt-
ägyptischen Kultur stammt. Das ohne Vergleich dastehende Museum der
ägyptischen Altertümer und die Pyramiden von Gizeh und Sakkära am
Ufer des in seiner ergreifenden Schönheit nie alternden Nilstromes.
Ja, aber diese Erinnerungen an jene alte Zauberwelt packen doch noch ganz anders, wenn man nilaufwärts fährt, oben in Luxor und in
Assuan, wo außerdem noch weit mildere Winterlüfte wehen, und das Ge-
räusch einer nahen Großstadt die stille Poesie der Nilufer nicht verdirbt. Darum, seitdem die Verkehrswege nach jenen südlichen Stationen
durch Eisenbahnen und Dampfschiffe bequemer, kürzer und billiger geworden
sind, beeilt sich ein großer Teil der Wintergäste alsbald das unsaubere und
lärmende Kairo zu verlassen, um jene Plätze in Oberägypten aufzusuchen.
Kairo ist nicht mehr der frühere Bleibeort der Wintergäste, sondern nur noch die Durchgangsstätte
; und sollten diejenigen, welche längeren Wegen
abhold sind, auch nur nach dem benachbarten, sauberen und von reinster
Wüstenluft umspielten Heluän gehen, oder nach dem Mena-House, am Fuße
der großen Cheops-Pyramide.
Ich hatte Karten und Berichte über meine Reiseroute studiert, Zelte
gekauft, Diener angeworben, Proviant vorgesehen und die erforderliche Summe auf der Bank flüssig gemacht. Nun, als die ersten Tage des
Monats Januar 1903 auch hier ungewöhnlich kalt, an ihren Morgen und
Abenden, einsetzten — das Thermometer sank in jenen Stunden bis auf
5 Grad Reaumur —
, brach ich um so lieber auf nach den wärmeren
Ufern des Roten Meeres.
Um von Suez aus nach Massäua zu gelangen, bietet sich eine zwie-
fache Schiffsgelegenheit dar. Zunächst sind es die ägyptischen Dampfer. Da diese aber in Djedda
1 ), dem Hafenorte von Mekka, anlegen, einem
Platze, an dem, übertragen durch die Pilger, Cholera, seihst Pest selten
aufhören, so werden diese Fahrzeuge zu Zeiten, aus Furcht vor Ansteckung, von den Hafenhehörden in Massäua gar nicht eingelassen. Der Reisende
läuft also Gefahr, unter Umständen sein Reiseziel zu verfehlen, wenn er
sich ihrem Kiele anvertraut. Daher ist es sicherer, sich der zweiten Schiffsgelegenheit zu bedienen,
nämlich der Dampfer der genuesischen Rubattino-Ge Seilschaft, welche aller-
dings monatlich nur einmal, von Italien kommend, in Suez anhalten, um
Passagiere für Massäua aufzunehmen.
') Die auf manchen Karten sich findende Schreibweise „Djidda“ mit einem i ist unrichtig.
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