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müssen sowohl die Karawanenzüge, welche das Meer bei Massäua aufsuchen, als auch die dorthin vordringenden Heerhaufen hindurch. Der Platz ist demnach ebenso sehr von hoher strategischer, als handelspolitischer Bedeutung.
Diese doppelte Eigenschaft erhob den jungen Ort zur Hauptstadt der ringsherum liegenden, fruchtbaren Provinz Tokar und wurde auch der Grund, daß von verschiedenen Machthabern um den Besitz dieser Stadt heiß gekämpft wurde.
Im Jahre 1885 entrissen den Ägyptern diesen Platz die Derwische, das fanatisierte Heer des Mohammed- Ahmed- el- Mahdi, (— Mahdi soviel, wie unser Wort „der Meister“ — -) nachdem dieselben auch die Etappen auf der Straße hierher, nämlich Gadäref und Sennaar, besetzt hatten. Ihr Führer war der tapfere Osman Digna, ein militärisches Genie. Wie grausam indessen die neunjährige Herrschaft dieser Derwische in Kassala gewesen sein muß, das zeigte mir das Bild eines verstümmelten, braunen Mannes, welcher an der Tür meines Zeltes um ein Almosen bat. Ihm waren der linke Fuß und die rechte Hand kurz über den Gelenken durch die Derwische abgehauen, weil er, nach seiner Angabe, auf der Landstraße gefaßt, eines Fluchtversuches beschuldigt wurde. Dann, im Januar 1894, wurde die Stadt den Derwischen durch die Italiener entrissen, nachdem diese, wie oben erzählt, den bis Agordat vorgedrungenen General Ahmed-Aly in der blutigen Schlacht am 21. Dezember 1893 zurückgeworfen hatten. Die Italiener behaupteten nun Kassala fast 4 Jahre lang, auch selbst nach ihrer so schweren Niederlage bei Adua (1. März 1896), gegen die wiederholten Angriffe der Derwische, um es sodann auf friedlichem Wege, unter dem Drucke diplomatischer Verhandlungen, am Weihnachtstage 1897, den Engländern auszuliefern, welche jetzt die Herren dieses Platzes sind.
Solche kriegerische Vergangenheit spiegelt sich denn auch nur zu deutlich in dem gegenwärtigen Bilde der Stadt. Sie zeigt sich im ganzen als ein Ruinenfeld. Aschgraue Hügel decken die Reste zerstörter Befestigungswerke, während kaum ein grüner Baum das gekränkte Auge für diesen trostlosen Anblick entschädigt. Denn sämtliche Vegetation, in und um die Stadt, wurde von den Derwischen vernichtet. Sodann neben diesen Trümmern, welche keine Hand bisher einebnete, erheben sich, durch weite Zwischenräume getrennt, hier eine Zitadelle, noch das Werk der Italiener, dort ein Viereck von Gebäuden, der Verwaltung gewidmet, auf einem Hügel; dieses schon ein Werk der Engländer. Jenseits, ohne Nebenstraßen, liegt ein Marktplatz, umfaßt von niedrigen Verkaufshallen und Kaffeehäusern. Diese einstöckigen, von Luftziegeln, ohne allen Farbenüberzug, schmucklos aufgeführten, Bauten haben das Aussehen roher Erdwürfel.
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