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Zweiter Theil. Reisen und Aufnahmen im Gebiete des Blauen Nil. 9 Nachricht zurück, das Dorf sei genommen. Die Helden gürten den Phallus um und einige tanzen so geschmückt um die Mädchen herum, bei denen durch ein silbernes Armband kenntlich der Se-el-benât (Anführer der Jung­ frauen) steht. Alsdann schob der erste Tänzer den empor­ gerichteten Phallus in eine Falte seines Gürtels und tanzte in obscönster Weise vor den Mädchen, um den Altar und vor allem Publikum. Der Mek erhob sich endlich und die Krieger seines Gefolges entfernten sich im Laufschritt auf demselben Wege, den sie gekommen, und schlugen im Vorbei­ laufen mit der Lanze oder dem Trumbaś auf den Altar. — Das Fest war beendigt und die Anwesenden trennten sich, aber die von Getränk und Tanz trunkenen Männer hatten noch nicht genug und setzten noch den ganzen Rest des Tages vereinzelte Phantasiestücke in Scene, bei welchen einige junge Mädchen sangen. Ebenso erschallten die Nacht hindurch die Zagarit.

Samstag den 21. Februar wurde das Fest fortgesetzt. Die Krieger, je zwei und zwei mit den Enden der Ferda aneinandergebunden, schritten in Colonnen formirt mit ab­ gemessenen Schritten, singend und die Trumbaś schwingend, einher. Sie trugen weder Lanzen noch Schilde. Die jungen Mädchen folgten ebenfalls in Colonnen und zwar immer je drei, von denen die grösste in der Mitte, die beiden klei­ neren auf beiden Seiten gingen. Von diesen hatte die eine ihren Arm auf die Schulter, die andere den ihrigen um den Leib der mittleren gelegt. Sie bewegten die Köpfe hin und her, um die Haarflechten fliegen zu lassen, und sangen. Die zwei Colonnen schlängelten sich nebeneinander hin und führten allerlei Evolutionen aus, bis der Tanz leidenschaftlicher wurde, Paare von Männern aus den Reihen heraus und vor tanzende Mädchengruppen hintraten, der Phallus wieder zum Vorschein kam und die indecentesten Sprünge gemacht wurden. Man zog dann wieder ab, um Merisa zu trinken und fing von Neuem an. — Am Sonntag dauerte das Fest noch, bis man müde wurde und alle Merisa getrunken war. — Während des Festes ist es den jungen Leuten erlaubt zu stehlen, was ihnen unter die Hände kommt; sie pflegen es dann gegen Lösegeld wieder zurückzugeben. Einen anderen hübschen am Gule herr­ schenden Gebrauch lernte ich bei dieser Gelegenheit kennen: Die jungen Mädchen versammeln sich täglich bei einem jungen Mann zum Spinnen, unterhalten ihn und essen und trinken bei ihm auf seine Kosten; wenn er Nichts hat, setzt er seine Nachbarn mit 6 oder 7 Piastern in Con­ tribution.

Während des Tanzes kamen Mohammedaner zu mir und sagten: „Ihr Götzenbild ist nicht wie die Eurigen schön geschnitzt, gemalt und vergoldet, sondern nur ein grob­ geschnitztes Stück Holz”. Andere sagten, als die Männer den Phallus schwingend um den Altar tanzten: „Thut Ihr das auch bei Euren Festen? Diese Leute sagen, sie seien Muslimin, aber ihre Religion ist, wie Du siehst, ein Ge­ misch von Christenthum und Islam. Es wäre besser, sie wären ganz Christen!”

Bezüglich der Costüme bei dem Fest will ich noch erw'ähnen, dass ich ein kleines Mädchen sah, das einen prachtvollen Rähat von kaffeebrauner, etwas in’s Purpur­ artige spielender Farbe trug und zwei lange Däir (wörtlich „rund”, Schmuck von runden Plättchen), einen auf jeder Seite mit Quaste von derselben Farbe. An ihrer linken Wade hing ein kupfernes Glöckchen herunter. Der Gürtel des Rähat war drei Finger breit und ganz mit Zinnperlen und einigen Bernsteinstückchen überstickt. — Einige Männer trugen eine Art Ringkragen mit drei Reihen Wad>a (Kauri­ muscheln). • Schon am 19. Februar hatte ich den Gipfel des G. Gule bestiegen, um das Panorama der Fung-Berge zu zeichnen und zu peilen. Die südlichen Berge bilden vom Yakan bis zum Kukli eine scheinbar zusammenhängende Kette. Dann folgt die Tabi-Gruppe. Im Norden sieht man äusser den passirten Bergen noch den ć. Masmûn und Ó. Abu Qorüd.

III. Vom Gebel Gule zum Yal •) oder Sôbât der Araber.

Samstag den 21. Februar brachen wir Nachmittags 3 Uhr von Gule in der Richtung zum Hôr-dolêb auf. Die durchzogene Ebene ist kahl mit Ausnahme einiger Stellen, wo kleine und recht dünne Gehölze von Tuffar, Talha und besonders Nabaq vorhanden sind. Mit kleinen Nabaq ist die Ebene ähnlich wie am Sôbât fast ganz bedeckt, während Groton plicatum und Tragia noch immer die verbreitetsten Gräser sind. Wir liessen den G. Medir, einen Felsen ohne ständige Bewohner, zur Rechten und ritten von Süd zu Südost-Richtung umbiegend bis zum Abend fort. Es war bereits dunkel, als wir, auf einer wellenförmigen Erhebung des Bodens angelangt, die weite Ebene vor uns ausgebreitet liegen sahen, übersäet mit den fernen Feuern der Araber, wie ein ungeheuerer den Sternenhimmel reflectirender Spiegel. Um 9 Uhr überschritten wir das 10 Schritt breite und 5 Fuss tiefe Bett des Hôr-dolêb und setzten unseren Ritt dann noch 1 '/2 Stunden lang gegen Südosten fort, bis wir bemerkten, dass uns die unstäten Feuer der Araber irre­ geführt hatten, worauf wir fernem Hundegebell nachgingen und endlich bei einem arabischen Wanderdorf abstiegen.

Sonntag den 22. Februar bei Sonnenaufgang hatten wir die Täbi-Berge nahe vor uns und ich nahm Peilungen nach ihnen. — Wir ritten gegen Westen, indem wir der Süd­ seite des Hôr-dolêb entlang zogen. Er ist ein Fluss von geringer Tiefe mit einem unbedeutenden Bett. Seine Ufer sind mit zerstreuten Kantur (Termitenbauten) besetzt. Die Erde ist schwarz, voller Spalten und gut begrast. Während der Regenzeit sind die Ufer verlassen, die Araber halten sich dann anderwärts auf. Der Fluss kommt vom mittleren Theil des Tabi zwischen Sidaq und Rii, fliesst ganz nahe nördlich vom G. Böd vorbei und dann in beinahe rein westlicher Richtung weiter. — Wir kamen so zum Lager der Abu Röf. Nachdem ich etwas gegessen hatte, ritt ich auf einem schönen Dromedar, das mir der Sei) lieh, nach dem Böd. Es ist ein etwa 220 Fuss aus der Ebene sich erhebender Granitberg, der nahe seinem Gipfel ein von den Täbiern zerstörtes Dorf besitzt, wo ich nur wenige Be­ wohner sah, die zum Ernten der Baumwolle gekommen waren. — Vom Böd nach dem weissen Strom hin erstreckt sich die bewaldete Ebene der Denqa. Es befanden sich viele Denqa am Böd, die gekommen waren, um ihre Sklaven zu verkaufen, und zwar den Kopf um vier Kühe, und auch .*) R. Hartmann schreibt Gajal.

Pruyssenaere’s Reisen, 2. Hälfte. 2

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