Facsimile · p. 32
26 Erster Theil. Reisen und Forschungen im Gebiete des Weissen Nil.
die Frau angehört. Für 30 Kühe erhält man eine Häupt lingstochter; 60 ist das Höchste, was ein einflussreicher Häuptling für seine Tochter verlangen kann, wenn sie schön ist.
Wer nicht genug zu geben hat, lässt sich noch durch seine Verwandten unterstützen, um die erforderliche Zahl aufzubringen. Die Armen geben ihre Töchter fast um Nichts dahin. Die Leute von Ibrahim Bas heirathen un berührte Jungfrauen für ein paar Stückchen Elephantenfleisch. Auf diese Weise verbleiben die Vermögen immer beisammen in denselben Familien. Zur Hochzeit begiebt sich der zukünftige Ehemann zum Vater der Braut, seine Freunde und Diener folgen ihm mit gefüllten Milchgefässen ; man trinkt, tanzt und singt ein wenig. Das Band der Ehe ist nicht sehr streng. Der Sohn nimmt nach des Vaters Tod dessen Frauen; er macht sich auch kein Ge wissen daraus, schon bei dessen Lebzeiten ihnen zu nahen.
Der Mann jagt seine Frau fort, wenn er nicht mit ihr zu frieden ist, und die Frau, die nicht mehr mit ihrem Manne leben will, läuft nur weit genug weg, dass er sie nicht so rasch finden kann, wenn es ihm einmal einfällt, sie zu suchen. Die Frauen gebären leicht, sind aber im Allge meinen wenig fruchtbar, was wohl der ungenügenden Nah rung zugeschrieben werden muss. Diese Thatsache, ver bunden mit der herrschenden Polygamie, welche einerseits einen Theil der männlichen Bevölkerung, der zum Hei rathen zu arm ist, der Möglichkeit sich fortzupflanzen be raubt und andererseits Leuten, die, obwohl weniger bedürftig, doch kaum minder hungrig und schlecht genährt, also zur Zeugung wenig geeignet sind und kaum für eine Frau genügen, mehrere Frauen giebt, bewirkt, dass inmitten eines ungeheueren, an Hülfsmitteln reichen Landes die Bevölkerung wegen Nahrungsmangel spärlich bleibt. Ich habe übrigens im Gegensatz zu anderen Behauptungen die Bemerkung gemacht, dass die weibliche Bevölkerung an Zahl ungefähr gleich der männlichen ist, oder doch nur sehr wenig über wiegt.
Die Denqa sehen gern, wenn ihnen Töchter geboren werden, weil sie später Ochsen dafür eintauschen können, während sie einem Sohne dereinst eine Frau kaufen müssen. Von der Erbschaft erhält eine Tochter Nichts. Die Söhne theilen sich hinein, wobei aber der Älteste ein Vorrecht hat. Wenn Minderjährige vorhanden sind, fordern sie ihren Theil, sobald sie erwachsen sind.
Die Leichname der Gestorbenen werden häufig im Ge büsch ausgesetzt, wo die Hyänen sie verschlingen. Sonst gräbt man dicht bei der Wohnung des Verstorbenen ein Loch, in welches dieser in zusammengekauerter Stellung hineingebracht wird. Die Erde darüber wird geebnet, ein Paar Hörner bezeichnet den Begräbnissplatz. Sobald Jemand gestorben ist, wird Geschrei erhoben. Zum Zeichen der Trauer legt man die Schmucksachen ab, bindet einen Strick um Hals oder Hüften, lässt alles Haar am Körper wachsen und ersetzt das Eisen an der Lanze durch ein Stück Holz.
Dem Manne kommt vor Allem die Besorgung und Vertheidigung der Heerden zu. Die Frau hat äusser der Be stellung der Felder um die Wohnung herum noch Früchte im Wald zu suchen, Holz herbeizuschaffen, das Hauswesen zu besorgen und die Nahrung zu bereiten. Fleischnahrung ist, wie wir sahen, ein seltener Schmaus. Die Durra wird zerrieben, in Wasser gekocht und ohne Salz oder sonstiges Gewürz gegessen. Man schüttet auch süsse oder saure Milch oder Butter, wenn man solche hat, zu der gesottenen Durra. In grosser Quantität werden die zerstossenen und zu einem Teig verwandelten Heglig-Früchte gegessen, und eine Menge anderer Früchte. Die Reifezeit der Aiuta und dann die des Awalwal ist eine Zeit des Überflusses, wo Viele sich Indigestionen anessen. Mehrere Wurzeln werden auch gegessen. Obwohl nicht im Besitz von Salz oder Pfeffer sind die Neger doch sehr begierig danach. — Rein licher als die Sudanesen essen sie mit Löffeln aus Muschel schalen. Sie brauen keine gegohrenen Getränke wegen der Seltenheit der Durra, sie kennen dieselben jedoch.
Sie lieben den Tabak leidenschaftlich, sind aber zu faul, um viel davon zu bauen, was überdiess nur im Innern der Zeriben geschehen kann, denn draussen würde er unfehlbar gestohlen. Etwas Weniges wird gebaut, das Übrige er betteln sie von den Europäern. Bisweilen kauen sie den Tabak, häufiger rauchen sie ihn aus ungeheueren Pfeifen. In das Rohr derselben wird ein Bausch von Bastfasern des Hibiscus esculentus eingelegt. Wenn dieser Pfropf mit Tabaksbrühe tüchtig geschwängert ist, wird er mit Wollust gekaut. Der Gebrauch der Pfeife ist bei den Silük viel mehr verbreitet, denn diese legen sie fast nie aus der Hand; auch die Nuêr benutzen sie mehr als die Denqa.
5) Kenntnisse, Künste 8çc. Die Zeitrechnung der Neger ist sehr unvollkommen und eigentlich eine doppelte. Man beachtet die Mondmonate und giebt ihnen Namen, die sich auf den Anblick der Natur und die landwirthschaftliehen Arbeiten beziehen. Da aber die Mondmonate nicht lange den betreffenden Jahreszeiten entsprechen, die ihr Name andeutet, so wird ihr Name je nach ßedürfniss auf den folgenden Monat übertragen, so dass keine Übereinstimmung zwischen der Zeiteintheilung nach Monaten und der nach Jahren und Jahreszeiten be steht. Von einer Wocheneintheilung ist keine Rede. — Das Zählen geschieht nach dem Decimalsystem. Man begleitet das Aussprechen der Zahlwörter mit den Fingern, indem man diejenigen biegt, welche zählen, also umgekehrt wie bei uns.
Die hauptsächlichsten Sternbilder haben bei den meisten Stämmen Namen, wie im Sudan auch. Es sind einige, deren Gestalt ihnen überall dieselbe Benennung verschafft, z. B. der Skorpion.
Die medizinischen Kenntnisse sind gleich Null. Sie gebrauchen keine Pflanze ihres Landes zu Heilzwecken und beschränken sich in Krankheitsfällen darauf, ihre Zauberer zu befragen, die einigen Hocuspocus aufführen. Nichts desto weniger kommen sie zu den Europäern, wenn solche in der Nähe sind, um Heilmittel zu erbitten.
Man bemerkt an den Denqa keinerlei Gefühl oder Sinn für Kunst auch nur im ersten Keim, nicht einmal eine Gewohnheit, an ihren Geräthen irgend eine Verzierung an zubringen, wie es sonst alle Neger thun. Ihr Gesang er mangelt nicht eines gewissen Taktes und einer Melodie sui generis, welche, ohne falsch zu sein, doch für ein Euro päisches Ohr äusserst sonderbar klingt. Die Tonintervalle sind uns ungewohnt und viel beträchtlicher, als bei uns ge bräuchlich , und die Gesänge sind von einer Art von Ge-