Facsimile · p. 24
18 Erster Theil. Reisen und Forschungen im Gebiete des Weissen Nil.
ohne Zweifel noch viel mehr Säugethiere, die ich noch nicht zu Gesicht bekommen habe.
Folgende Vögel kommen vor: Der Königsadler, der Haubenadler, Aquila ecaudata, der schöne Haliaetos vocifer, Weihe, Falken, Sperber, Sekretäre (Schlangenadler), der gelbe Geier, der Ohrengeier, Savigny’s Geier, ein weisser und ein grauer Aasgeier, verschiedene Nachtraubvögel. Eine Menge hübscher Sperlingsarten mit glänzendem Gefieder und fröhlichem Gezwitscher; Grasmücken, Amseln, Vidua, Wür ger, Sonimanga, Bengali, Spechte, der prächtige Goldkukuk, Nachtschwalben und andere in Menge. An manchen Orten sollen Papageien vorkommen. Vier Arten von Turteltauben, eine wundervolle kreuzschnäbelige Taube, grau mit grün lichem Rücken, purpurnen Schultern, schwefelgelbem Bauch und orangefarbenen Füssen, einer der schönsten Vögel die ses Waldes. Das Perlhuhn, viel grösser und schöner als bei uns, giebt ein gutes Wildpret; mehrere Arten von Steppen hühnern kommen im nördlichen Theil des Waldes vor.
Von allen Thieren des Waldes ist eigentlich nur der Löwe dem Menschen gefährlich, die anderen greifen diesen nicht an. Der Panther und die Hyäne wagen es höchstens, einmal ein Kind fortzuschleppen, sind aber fürchterliche Feinde der Heerden.
In der dem Fluss zunächst gelegenen Zone dieses Wal des, die insbesondere Gog genannt wird, liegen in den Lich tungen die Negerdörfer, in welchen man um die kreisför migen Zerîben herum etwas Durra, untermischt mit Sesam, angebaut sieht.
Der höchst gelegene und wasserarmste Theil des Wal des heisst Gog-dit, das grosse Gog. Er ist von Menschen unbewohnt, nur einige Mirja sind vorhanden, die in der nässesten Jahreszeit auf einige Tage von Heerden bezogen werden. In botanischer Hinsicht unterscheidet sich dieser höchste Waldstrich vom vorhergehenden durch die Abnahme der fruchttragenden Gesträuche und das Vor wiegen der grossen Bäume, von denen hier einige mehr auftreten. Der Butterbaum z. B., der schon im vorhergehenden Strich ziemlich gemein ist, trägt erst in diesem Früchte. — Trotz dem, dass im Oktober schon das Gog so wasserarm wird, dass die Heerden sich dem Flusse nähern müssen und selbst in den bisweilen 15 und 20 Tage dauernden Unterbrechungen der Regenzeit öfters eine Verschiebung derselben nöthig wird, ist dasselbe doch den ganzen Winter hindurch von Elephanten bewohnt. Der Elephant ist nicht auf frisches Grasfutter allein angewiesen, er ernährt sich auch von trockenen Kräutern, von jungen Zweigen und von den Blättern einer grossen Anzahl immergrüner Gewächse. Im Winter, so wie in den wasserarmen Epochen des Sommers, trinkt der Elephant nur jede vierte Nacht. Er setzt sich so in Marsch, dass er in dunkler Nacht am Flusse ankommt und macht sich so früh auf den Heimweg, dass er bei Tages anbruch schon fern ist. So bewohnen diese Thiere im Winter den Wald, wo Niemand sie beunruhigt und verlassen ihn nur, um zu trinken. Im Sommer sind sie beständig unter wegs zwischen dem Wald und dem Fluss, wohl hauptsäch lich veranlasst durch das Hin- und Herziehen der Heerden. Sie befinden sich in dieser Zeit immer da, wo die Mirja nicht sind. — Die Elephanten sind noch in grosser Zahl vorhanden. Der ganze Boden ist mit ihren Spuren besäet, man sieht oft Heerden von 100—200 Stück, aber sie sind äusserst vorsichtig geworden, so dass sie schwer zu be schleichen sind. Beim geringsten verdächtigen Zeichen er greifen sie die Flucht. Bevor sie so stark gejagt wurden, verwüsteten sie oft Nachts die Durra-Felder um die Woh> nungen, was jetzt nur äusserst selten vorkommt. Die grossen Heerden bestehen meist aus einer grossen Zahl von Weib chen und Jungen mit wenig oder gar keinen Männchen. Die alten Männchen halten sich in kleinen Trupps oder auch einzeln an isolirten Plätzen auf, sie marschiren stille und vorsichtig, und ihre Jagd ist sehr schwer.
VII. Über die Bevölkerung des oberen Weissen Nillandes, insbesondere die Denqa.
Die Besiedelung der weiten Ebenen zu beiden Seiten des Weissen Flusses kann, der beschriebenen Beschaffenheit des Landes nach, nur längs der Flussläufe fortgeschritten sein, wo allein die Völkerschaften und ihr Vieh das ganze Jahr hindurch sich mit Wasser versorgen konnten. Dass diese Besiedelung ursprünglich von Süden nach Norden hin Statt gefunden habe, ist viel wahrscheinlicher als das Um gekehrte; denn alle Völkerbewegungen, die in historischen Zeiten Statt gefunden haben oder deren Erinnerung über haupt noch frisch im Gedächtniss der Völkerschaften ist, drangen von Süden oder richtiger von Süd-Ost her vor, von wo aus noch heute ein unausgesetzter Schub, ohne Zweifel durch die stark sich ausbreitenden Galla-Stämme verursacht, gegen die Anwohner des oberen Kir, namentlich die Bari, ausgeübt wird.
Die ältesten Bewohner des Gebietes, von denen man weiss, sind ohne Zweifel die grosse Nation der Gen, ge wöhnlich Denqa genannt, deren verschiedene Stämme noch heute die Nil-Ufer zwischen 6° und 12° N. Br. vorzugsweise bewohnen. Dieser Nation gehören an, von Süden gegen Norden vorschreitend: die Bôr, Elyäb, Tuiè, Kiè, Atwot, Rôl, Nuêr, die Genqé am Bahr Gazai und die Denqa im engeren Sinne am Ost-Ufer des Weissen Flusses zwischen Sôbât und dem 12. Breitengrade, wo sie den Arabern gegenüber an Terrain verlieren, nachdem sie von dem West-Ufer schon durch die Silük verdrängt sind. Die Sprache, die von den Nuêr und den Atwot gesprochen wird, ist von der der übrigen Gen etwas verschieden. Diese beiden Stämme scheinen also einem schon früher abgezweigten Stamme der Nation anzugehören, der erst später auf einem zur ursprünglichen Einwanderung parallelen Wege durch das von den übrigen Stämmen eingenommene Gebiet vor gedrungen ist und sich mit Waffengewalt seine jetzigen Wohnplätze erobert hat. Dass diese in verhältnissmässig neuer Zeit geschehen sein muss, zeigt der Umstand, dass bei den Nuêr die Tradition davon noch sehr frisch ist und dass die Furcht vor der kriegerischen Tüchtigkeit dieses Stammes unter den umgebenden Stämmen allgemein ist.
Im Osten, längs dem Sôbât und seinen Nebenflüssen, ist eine andere Nation gegen Nord-West vorgedrungen, welcher die Ber, die Guba, die Gun, die Bongak und die Ber-do, von den Arabern Silük genannt, angehören. Dieser letztere Stamm hat sich von den übrigen losgelöst, sich den Weg durch die den - Stämme hindurch gebahnt und das