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Erster Theil. Reisen und Forschungen im Gebiete des Weissen Nil. 17 niedrigen Pflanzen umwuchert ist, so dass kein Zwischen raum bleibt und Alles durch Reben, Schlingpflanzen aller Art zu undurchdringlichen Dickichten verwachsen ist. Der dichte Wald mit seinen schattigen Pfaden, seinen kleinen Lichtungen, die mit grünem Rasen überzogen sind, seinen Wasserlachen, in denen sich die mächtigen Wipfel spiegeln, übertrifft weitaus Alles, was die Uferländer und Gebirge des Mittelländischen Meeres, selbst an den geprieseusten Stellen, an Vegetationsbildern darbieten. Ihr Reiz wird vermehrt durch die schönen Schmetterlinge, herrlichen Blu men, glänzenden Käfer und farbenprächtigen Vögel, die sich in den Zweigen belustigen, und die grünschillernden Schlangen, die durch die Zweige und auf dem Boden dahin gleiten, die Chamäleone, Ichneumone und die ganze Eidechsenfamilie von allen Farben des Regenbogens, die sich auf den Stämmen sonnen. — Leider kann man die Nacht im Wald nicht ge niessen, denn die Furcht vor den Löwen, die äusserst zahl reich sind, zwingt, sich bald nach Sonnenuntergang in die festen Umzäunungen zurückzuziehen, wenn man nicht in grosser Zahl marschirt. Auch die Moskitos, wenn auch nicht so zahlreich wie am Fluss, jagen doch an manchen Stellen den Menschen bald unter sein Moskito-Netz.
Von den Pflanzen, die ich bis jetzt, nach dreiwöchent lichem Aufenthalt im Walde *), habe untersuchen können, nenne ich nur: die Tamarinde, die Sycomore, deren Früchte hier besser sind als in Ägypten, verschiedene Varietäten wilder Reben, einige andere wohlschmeckende Früchte, die prächtige Kronleuchter-Euphorbie (Qolqual), den Ebenholz baum mit duftenden Blüthen, den Gummi elasticum-Baum, den Guttapercha-Baum, die Basia butyracea, deren Frucht beim Auspressen ein Fett giebt, das die Butter ersetzen kann. Die schöne Familie der Palmen hat hier nur drei Repräsentanten, die sich überdiess nicht überall finden : Die Dumpalme, deren zweitheiliger Stamm sich mit einer dichten Krone breiter Blätter bedeckt, unter denen die alten gelben, im Wind rauschenden Blätter und die leeren dornigen Frucht kolben dem Baum eine wilde Majestät verleihen; die Dolêbpalme, eine Art von Cocospalme, deren eleganter, spindel förmiger Stamm einen runden Blätterstrauss trägt und Früchte von mittelmässigem Geschmack, aber ausgezeichnetem Aroma; endlich die wilde Dattelpalme, die hier verkümmert nur kleine bittere Früchte trägt. Dagegen fand ich bis jetzt noch keine von jenen Musaceen, von jenen Baumfarren der Brasiliani schen und IndischenUrwälder, wenige Orchideen mit bizarren Blüthen. Vielleicht finden sich solche noch tiefer und weiter südlich im Walde.
Die Fauna dieses Waldstrichs ist dagegen unstreitig eine der reichsten in der Welt. Äusser den schon genannten Bewohnern des Buschwaldes finden sich hier noch: Gesell schaften von Affen (3 oder 4 Arten von Cynocephalus und verschiedene Meerkatzen), die auf den Bäumen umherspringen, zahlreiche Fledermäuse, worunter Pteropus ; der Löwe, der grosse Verheerungen anrichtet und von den Negern so ge fürchtet ist, dass diese Nachts nie aus ihren Hütten gehen und selbst in diesen nicht sicher vor dem schrecklichen Thiere sind, das häufig die schwachen Hütten auseinander reisst und die Inwohner verschlingt. Nachts hört man den ’) Diese Schilderungen sind in Briefform im Juni 1859 geschrieben.
Reisen und Forschungen. I.
Wald von seinem Gebrüll erdröhnen, am Tag ist er unsicht bar in dem dicksten Gestrüpp verborgen und Niemand denkt daran, ihn aufzusuchen. Ich kenne Leute, die 5 Jahre das Land durchstreift haben und niemals einen zu Gesicht be kamen. Er ist von hohem Wuchs, aber ohne Mähne. Mit Unrecht hat man versucht, auf diese Eigenthümlichkeit eine neue Species zu begründen, denn nach Angabe einer glaub würdigen Person wächst jungen, von hier nach Europa transportirten Löwen dort meist eine Mähne, wie sie den in kälteren Gebirgsländern, z. B. im Atlas, hausenden Löwen eigen ist. Eine Sache, die ich lange nicht glauben wollte, bis ich mich doch dem Gewicht der Beweisgründe fügen musste, ist, dass Central-Afrika noch ein Raubthier birgt, welches grösser und schrecklicher als der Löwe ist. Kein Neger im Walde, der es nicht kennt, beschreibt und mit seinem Namen Kor benennt, während der Löwe Cuêr *) heisst; man bezeichnet ihn auch umschreibend als menschen fressenden Löwen wegen seiner erschreckenden Vorliebe für Menschenfleisch und seiner viel kühneren Angriffe gegen den Menschen, als sie der Löwe macht. Es ist schwer, eine genaue Beschreibung von ihm zu erhalten, wegen des Schreckens, den er um sich verbreitet und der jede ge nauere Beobachtung verhindert. Das, worin alle meine Be richterstatter übereinstimmen, ist, dass er bedeutend grösser als der Löwe sei, kastanienbraun, mit kürzerem, nur bis auf die Hacken reichendem Schweif und namentlich bemerkenswerth durch einen enormen weissen Schnurrbart. Ein einziger Europäer hat ihn lebend gesehen und hat vor stehende Angaben bestätigt. Ein Anderer hat Stücke seiner Haut gesehen, die von Negern, welche einen getödtet hatten, als Trophäe getragen wurden. Es ist diess das einzige mir bekannte Beispiel, dass Neger einen Löwen oder einen Kor angegriffen hätten.
Weitere Raubthiere sind: der Panther, der Leopard, der Gepard, der in zwei sehr bestimmt unterschiedenen Arten vorkommt, einer schlank gebauten von kleinem Wuchs, wie ein Windhund, und einer zweiten, die grösser ist als ein Panther, mit verlängertem Rumpf und verhältnissmässig kürzeren Beinen; die Unze und eine Menge von Katzen arten von geringerer Grösse, worunter eine unserer Haus katze sehr ähnliche, die sich leicht zähmen lässt; Zibethkatzen, Genetten, Bisamkatzen, Marder &c.; — die ge streifte Hyäne und der Schakal in dem nördlichsten Theil; hier die gefleckte Hyäne und die Hundshyäne, eine Art von wildem Hund, sehr grimmig, die in Schaaren jagt; der Fuchs; der Megalotis; das Stachelschwein; Eichhörnchen und eine Menge kleiner Nager. Äusser den vielen schon genannten Wiederkäuern die Giraffe, die in Schaaren, ge mischt mit Zebra und Straussen, herumläuft. Das Nashorn, der Eber, das Warzenschwein. Ameisenbären, Schuppenthiere, Phatagine (das kurzschwänzige Schuppenthier) und ') Ob der Kor wirklich ein anderes Thier ist oder nur der alte, Menschenfleisch liebénde Löwe, wie Hr. R. Hartmann meint (Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. zu Berlin, III., 49, und Reise des Frhrn. v. Barnim in Nordost-Afrika, S. 491), wird wohl noch nicht sicher zu entscheiden sein ; jedenfalls beruht die Benennung des alten Löwen als Tschuêr, des jungen als Kor auf einer Verwechselung, denn de Pruyssenaere stimmt in der umgekehrten Bezeichnung mit Kaufmann (Schilderungen aus Central-Afrika, S. 33) überein.
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