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6 Erster Theil. Reisen und Forschungen im Gebiete des Weissen Nil.
es schon Herodot von den alten Äthiopen angiebt. — Nachts Massen von Glühwürmern und Fledermäusen, die sich auf die Bäume setzen und selbst am Tage bisweilen auffliegen.
24. Jan. Wir bleiben liegen. Morgens sehen wir ziem lich nahe Giraffen, die am Fluss trinken. Die Neger bringen uns in einem Körbchen frischen Talha- und Näbaq-Gummi, den sie essen.
25. Jan. Die Temperatur nimmt rasch zu, wiewohl wir unter derselben Breite bleiben. Wir fahren nur einige Stunden weiter hinauf, um mehr Durra zu kaufen. Unter den Nuêr kommen, wiewohl selten, einige Menschen mit kaukasischer Kopfbildung vor, mit bedeutend höherem Gesichtsausdruck und stolzem Blick, mit herzförmig ge schnittenem Mund ; einige junge Mädchen haben sehr zarte feine Züge ; unter diesen wie unter den jungen Bur schen, bei diesen aber weit seltener, sieht man Formen, die würdig wären, einem Bildhauer zum Modell zu dienen. Aber die grosse Mehrzahl ist hässlich. Sie schlachten ihr Vieh nicht und finden es grausam, das zu thun. Der Leitstier der Heerde geniesst grosse Verehrung, am Agubba ist er sogar Gegenstand einer Art von Cultus und wird mit Perlen ge schmückt.
26. Jan. Wir liegen fest. — Bei den Nuêr herrscht Polygamie. Eine Frau kostet etwa 60 Ochsen, wovon jeder etwa ein Dutzend Bered-Perlen werth ist. — Eine Ehrenbe zeugung ist es, auf Jemand zu speien, namentlich die Hand zu ergreifen und darauf zu speien. Bei Käufen speit der Verkäufer gegen den Käufer, um seine Befriedigung über den gebotenen Preis erkennen zu geben. — Ich bewunderte die Schönheit der Stellung und Haltung der wohlgebauten Frauen. Hier sind auch diese theilweis mit Asche gepudert.
27. Jan. Wie es scheint, besteht der Cultus der Nuêr in der Anbetung eines grossen Baumes, der weit vom Fluss im Innern steht und der mit Glasperlen behängt wird. Bei Begräbnissen hängt man dem Todten ein Strickhalsband um, hüllt ihn in Stroh und wirft ihn in den Fluss. Hier färben j alle Nuêr, auch die Frauen, ihr Haar roth, indem sie es mit einer Kappe von Asche und Kuhmist bedecken, die nach ihrer Anlegung mit Kuhharn befeuchtet wird. Die Vor nehmen rasiren sich ihr Wollhaar und ersetzen es durch eine aus den Schwanzquasten der Kühe hergestellte Perrücke, die sie, wie es scheint, um hohen Preis weither von den Reyhia (?) holen. Die Nuêr reissen sich die unteren Schneide zähne aus, was wahrscheinlich ihr Gesicht verschönert, denn der Mund ist schon durch die oberen Schneidezähne, welche lang sind und schief hervorstehen, stark aufgeworfen und auseinander gezogen. Die Extremitäten lassen am häufigsten zu wünschen; die Finger sind stumpf, die Nägel flach und dick. Wir haben bis jetzt erst einen Blinden gesehen, sehr wenig Krüppel, die alle ihren Zustand Unglücksfällen oder Wunden verdankten, welche letztere rasch zu heilen scheinen; wenig Einäugige oder Augenleidende. — Sie waren, bevor sie mit den Arabern und Nubiern in Berührung kamen, Fetischanbeter; jetzt scheinen sie an einen Gott und an die menschliche Seele zu glauben, kümmern sich indess nicht viel um solche Dinge und haben keinen erkennbaren Cul tus. Dieser Nuêr-Stamm heist Law oder Lau.
* 28. Jan. Den Tag über blieben wir noch, um Durra zu kaufen, die uns die Dorfbewohner von weither aus dem Innern bringen. Abends fuhren wir flussabwärts bis zu dem zuerst besuchten Dorfe zurück.
29. Jan. Wir besuchten mehrere Häuser dieses Dorfes. Es sind Toqül von 12—15 Fuss Durchmesser. Der abge stumpft-konische Theil hat 5 Fuss Höhe und ist aus Holz und Schilfrohr verfertigt, aussen und innen mit Lehm be strichen. Das Kegeldach ist kunstvoll aus etwa 80 Bündeln Rohr von Schilf oder von Durra hergestellt, die mit dem dicken Ende auf der Wand aufliegen und an der Spitze mit Stricken zusammengebunden sind. Von Innen tragen etwa 10 übereinanderliegende Holzreifen zur Befestigung des Gan zen bei. Von Aussen ist es mit Stroh gedeckt, dessen Halme im oberen Drittel oder Viertel durch ringsherumlaufende Stricke gehalten werden. Das Dach steht aussen weit über die Wand hervor und ist über dem Eingang flach bogen förmig ausgeschnitten. Die Thüre besteht aus einer ellip tischen Öffnung mit vertikal stehender grosser Axe von etwa 2 Fuss Höhe und ’/2 Fuss über dem Boden gelegen; sie wird durch eine Matte verschlossen, die Tags über nach aussen zurückgeschlagen ist. Um das Haus geht oft noch ein Gehege von Durra-Stroh, das mit dem vorspringenden Rand des Dachs verbunden wird und, zu beiden Seiten des Eingangs eingezogen, sich an die Hauswand anschliesst. Manchmal ist dieser ringförmige Raum ein paar Fuss breiter und dick mit Stroh angefüllt, worauf die Bewohner schlafen. Bisweilen ist die Umzäunung sehr breit und hat einen quadratischen Ansatz, so dass sie als Pferch für Ziegen und Ochsen dienen kann. Manchmal endlich sind zwei Toqül durch eine gemeinsame brillenförmige Umzäunung umgeben, die dann aus aufrecht stehendem Schilfrohr besteht.
Um 11 Uhr, als alles gekaufte Korn verladen war, gingen wir flussabwärts, unterstützt durch Ruder, durch den Strom und je nach Bedürfniss durch das Ziehtau. — Die Nuêr ernähren sich von Medida (arabischer Ausdruck, etwa der italienischen Polenta entsprechend), die aus grob in einem tiefen Mörser mit einem hölzernen Stösser zer quetschter Durra, in Wasser gesotten, bereitet wird. Sie essen sie mittelst kleiner Schüsselchén aus Kürbisschale (Qär>a), sie essen ferner frische und saure Milch, Gummi, einige wildwachsende Früchte und sehr wenig Fleisch, dagegen aber viel Fische.
30. Jan. Morgens befanden wir uns an der Gazal-Mündung. Dieser Fluss erweitert sich dort viel mehr als der Nil an irgend einer Stelle, so dass er als ein ruhiger See erscheint. Der Kir ist sehr schmal, etwa wie die Schelde bei Gent, aber er hat eine Stromgeschwindigkeit gleich dem Schritt eines Menschen und hält so zu sagen den Gazai auf, der ihm zu dieser Jahreszeit wenig Wasser zuzuführen scheint. Die Zahl der Flusspferde, welche sich in dieser seeartigen Erweiterung finden, ist unglaublich. Sie sind da heerdenweise anzutreffen und lassen sich leichter beikommen als anderswo, der Flintenknall schreckt sie nicht. Manch mal greifen sie die Barken an. Gross ist auch die Anzahl der Wasservögel jeder Art. — Der Kir bietet denselben landschaftlichen Anblick wie der Bahr Gazai: Ein enger Kanal zwischen Sümpfen hinlaufend und von Schilf, Papy rus und »Anbag begrenzt, Bündel von Wasserschlingpflanzen mit sich führend und von Flusspferden wimmelnd. Kein